Blick zurück: Gedenken an ermordete Weilerswister Juden

Vor der Shoa war jüdisches Leben in vielen, auch kleineren Gemeinden Deutschlands eine – wenn auch prekäre und häufig von antisemitischen Anfeindungen geprägte – Normalität. Weilerswist bildete dabei keine Ausnahme. So befand sich etwa in der Kölner Straße die Synagoge der jüdischen Gemeinde.

Der Nationalsozialismus setzte jedoch allen Hoffnungen der jüdischen Bürger auf ein gleichberechtigtes, angstfreies Leben ein grausames Ende. Während der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurden wie vielerorts in Deutschland auch in Weilerswist jüdische Geschäfte geplündert, Privathäuser zerstört und die örtliche Synagoge niedergebrannt, an deren alten Standort heute nur noch eine kleine Gedenkplakette erinnert.

Stolpersteinverlegung

Schon seit mehr als 10 Jahren versucht die Gesamtschule Weilerswist nun, dem Vergessen etwas entgegenzusetzen, zum Beispiel durch einen jährlichen Erinnerungsmoment am 09. Januar im Forum der Schule. Eine erste Aktion bestand 2008 in der Verlegung von Stolpersteinen durch den Kölner Künstler Gunter Demnig. Dafür wurde auch ein eigener Arbeitskreis gegründet. Zum Gedenken an die Familie Carl, die im Haus in der Kölner Straße 67 einen kleinen Betrieb unterhielt und deren Vorfahren schon seit 1750 in Weilerswist ansässig waren, wurden insgesamt vier Stolpersteine verlegt – für Bertha Carl, Johanna Leiser, Hermann Leiser und die siebenjährige Edith Leisner. Als Paten fungierten unter anderem die Schülerschaft der Gesamtschule Weilerswist und die Gemeinde Weilerswist. Im Kölner Stadt-Anzeiger wird das Schicksal der Familie Carl folgendermaßen geschildert:

1938 wohnten dort Bertha Carl, ihre Tochter Johanna Leiser, Hermann Leiser und die siebenjährige Edith, die als einziges jüdisches Mädchen die Volksschule in Weilerswist besuchte und eine hervorragende Schülerin war. In der Pogromnacht war die Familie nicht zu Hause, sondern bei Nachbarn. Sie erlebte von dort aus mit Schrecken, wie die Synagoge abbrannte, die sich nur wenige Meter neben ihrem Wohnhaus befand. Zuflucht fand die Familie, deren Haus ausgeplündert worden war, bei Verwandten in Drove bei Düren. Letzte Nachrichten gibt es aus dem Jahre 1942. Der Bruder Alfred Carl überlebte, weil er bereits 1939 mit seiner Familie ausgewandert war. Johanna Leiser war geblieben.

Insgesamt fielen 20 Weilerswister Bürger der Shoa zum Opfer. Die letzten Stolpersteine wurden 2013 in der Lommersumer Zunftgasse verlegt, diesmal zum Gedenken an die Mitglieder der Familie Stock, die, nachdem sie ihr Haus verkaufen mussten, erst nach Friesheim umzogen, dann von dort ins Sammellager Köln-Deutz verbracht und schließlich ins Vernichtungslager Maly Trostenez deportiert wurden, wo man sie schließlich ermordete. Helene Kürten, Mitglied des Arbeitskreises Stolpersteine, resümierte damals: »Mit den vier Stolpersteinen schließt sich der Kreis des Gedenkens an Weilerswister Juden, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen«.

Buchveröffentlichungen

Zusammen mit Margarete Siebert beschäftigt sich Helene Kürten schon seit vielen Jahren mit der Erinnerung an die ermordeten Juden aus Weilerswist und Umgebung. Bereits 1988 veröffentlichten beide das Buch Vergangenheit unvergessen, das 2008 in zweiter, erweiterter Auflage erschien und für das die Herausgeberinnen mit dem ›Rheinlandtaler‹ ausgezeichnet wurden. Es dokumentiert die Vertreibung und Vernichtung der Juden aus Weilerswist. Unter anderem wird der Antisemitismus in der Voreifel thematisiert sowie die von der Nazipropaganda zur »Reichskristallnacht« verharmlosten Vorfälle vom 09. November 1938 und die Schicksale der deportierten Juden. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit einzelnen jüdischen Familien, den zwei örtlichen jüdischen Friedhöfen in Groß-Vernich und Lommersum und rekapitulieren das Engagement der Gesamtschule bei der Erinnerungsarbeit. Das Buch ist heute noch über die Gebrauchtbuchportale online erhältlich. Möglicherweise befinden sich auch noch Exemplare im Besitz der Gemeinde oder einzelner Buchläden.

In diesem Kontext sind auch die Arbeiten von Hans-Dieter Arntz zu erwähnen, der sich als Regionalhistoriker schon seit längerer Zeit mit der Geschichte der Verfolgung der Juden in der Eifel beschäftigt. Unter anderem hat er ein vielbesprochenes Buch über den aus Flamersheim stammenden Josef Weiss geschrieben, der vier Monat sogenannter ›Judenältester‹ im Konzentrationslager Bergen-Belsen war und nach dem seit 2013 eine Straße in seinem Geburtsort benannt ist. Im September wird Arntz außerdem ein Buch »Zum Untergang des Judentums in der Eifel« veröffentlichen, das den Haupttitel Verfolgung, Holocaust und dann die große Stille tragen wird.

Veröffentlicht in Blog

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